Die Geschichte der Zucht

Von "Bonzo"

zu den

"Lustigen Kommunarden"

Von Brigitte Kellermann

 

 

Bereits als Windelkind habe ich meinen ersten "Cavalier-King-Charles-Spaniel" ans Herz gedrückt. Ein dickes, dem Zwergspaniel nicht unähnliches Gebilde namens "Bonzo", das von meiner Körperwärme lebte. Als Holzwolle aus dem geplatzten Bäuchlein quoll, schien die Stunde der Trennung gekommen. Gut, daß "Bonzo", aus der Mülltonne gerettet und in einen Strumpf genäht, wieder in meinen Armen landete! Wie sonst hätte sich eine mit hohem Fieber einhergehende psychische Störung beheben lassen? Holzwollestrumpf und Kind verlebten noch glückliche Wochen, bis Rest-''Bonzo" sich gänzlich in ein geistiges Wesen verwandelte, das fortan im Kopf des Kindes eine bleibende Heimstatt fand. Es zündete, als ich zwanzig Jahre später lebendigen Verwandten meines "Bonzo" auf der Osnabrücker Internationalen begegnete. Sie befanden sich in Begleitung von Constanze Gräfin-Rechteren-Limpurg-Speckfeld, in Holland verheiratete Frau van den Boom. Über Jahrzehnte hin hat diese leidenschaftliche Hundesportlerin die seltenen altenglischen Königshündchen aus- und vorgestellt. Gräfin Rechteren-Limpurg und ihre "Fanfare''-Cavaliere bildeten die Vorhut der Zuchten in den Ländern des Kontinents. Die Zwerge, die ich bewunderte, hatten große, samtene Augen mit seelenvollem Blick, drollige, runde Schmollmäulchen, alles in allem eine bezaubernde Physiognomie von eigenartigem Liebreiz. Ihr Wesen war so lieb und lustig, wie sie ausschauten. Wollte ich ein Hundenglein mit Flügeln zeichnen, ich gäbe ihm das Gesicht eines Cavaliers. Nun stand für mich fest, ich würde mich züchterisch mit dieser Rasse beschäftigen.Zuvor aber hatte ich meinen Tribut an die ohnehin umfangreiche Menschengesellschaft zu entrichten, und zwar in Form von zur Welt zu bringenden, aufzuziehenden, menschlichen "Welpen", um in der Kynologensprache zu bleiben. DerAnthropozentriker möge mir verzeihen! Dann war es soweit. Zucht - ein immer wieder spannender Fischzug aus dem Meer der Möglichkeiten. Der Anfänger wählt unter dem Angebot der Rassevertreter den Zuchttyp aus, der seine Vorstellungen davon, wie der zu züchtende Rassehund aussehen, welche Charakteristika er in betonter Weise aufweisen sollte, am ehesten repräsentiert. Dabei stößt er auf die zum Zuchttyp seiner Wahl gehörenden Blutlinien. Und irgendwann nach eifriger Umschau auf den Züchter seines Vertrauens, der die entsprechenden Blutlinien züchterisch pflegt, von dem es gesunde und erbgesunde Zuchttiere zu erwerben gilt. Zum Glück sind die Grenzen des Standards weit gesteckt und bieten dem Züchter Raum für künstlerische Kreationen. Mühelos ließ sich von Gräfin Rechteren-Limpurg Speckfeld der Geleitspruch pflegen, daß das Beste gerade gut genug sei für die Zucht, standen ihr doch durch Mitgliedschaft im Kennel-Club die Türen zu allen führenden englischen Züchtern offen. Sie überließ ihrer betagten Freundin Frau Margarethe Bernhard, Zuchtstätte "vom Trollhof", jeden gewünschten selbstgezüchteten oder Import-Hund und bestückte sie aufs beste. Frau Bernhard, eine unverheiratete Dame von hohem Bildungsniveau, war in ihrer Jugend Leiterin eines Mädchenpensionats gewesen, hatte später mit Erfolg Hovawarte gezüchtet, ausgestellt und sie gerichtet. Ihr Verein ehrte sie nach ihrem Tode im Jahr 1973 mit jährlich stattfindenden Gedächtnisschauen. Es sind die gesundheitlichen Beschwerden ihrer späteren Lebensjahre gewesen, die Frau Bernhard – sie mochte von Hunden und Hundezucht nicht ablassen - bewogen haben, sich den kleinen Spaniels zuzuwenden, für deren erfolgreiche Zucht sie schnell berühmt wurde. Ihr ganzer Stolz war der niedliche, hochtypische Blenheim-lmportrüde "Vesper of Sunninghill" aus der Zucht von Miss Turle, ein vorzüglicher Vererber, von dem Sie annahm,er habe sie vor Glücklosigkeit  in  der Cavalierzucht bewahrt. Tatsächlich besaß sie ein Schreiben des l .Vorsitzenden des VK  e.V.,Graf Lazy von Lippa, das bescheinigte,sie züchte seiner Auffassung nach den besten und hübschesten Cavalier in Deutschland, einen Zwergspaniel, der dem Idealbild entspreche. Doch nicht nur durch das Können des Fachmanns, der mit geschultem, kritischem Blick die Spreu vom Weizen zu trennen versteht, zeichnete sich diese Zuchtpersönlichkeit aus, sondern Frau Bernhard besaß als große Tierfreundin die Fähigkeit, "mit dem Herzen" zu sehen (Saint-Exupery in "Der kleine Prinz") und das Wichtige zu erkennen, das sich dem Auge verschließt. Im "Trollhof' –Miniaturausgabe eines Holzhauses, gemütlich und hundegerecht eingerichtet, inmitten eines ausgedehnten, mit Kiefern bestandenen Waldgartens - genossen die dort lebenden Cavaliere Freude und Freiheit, die ein Hundeherz begehrt. Nicht zuletzt auch deswegen waren "Trollhof -Zwerge Hundepersönlichkeiten von besonderer Ausstrahlung, denn Glücklichsein macht bekanntlich schön. Ein Beispiel des starken Gefühls für die Kreatur ist überliefert: Die Siebenjährige soll um Gnade für einen Kettenhund gefleht haben, der ihr fast die Nase abgebissen hätte. - Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, die von Freundschaft mit dem Hund gekennzeichnete Spur dieser Züchterin nachzuzeichnen,ehe sie sich für immer verliert, einer idealistischen Züchterin,die auf die deutsche Cavalier-Zucht großen Einfluß genommen hat. In den sechziger Jahren bildeten die Zuchten"Fanfare" und"Trollhof“den Mittelpunkt der Cavalier- Zucht auf dem Kontinent. Ausgehend von den gräflichen Hunden und gräflichen Importen, war es - um es so auszudrücken - eine dritte "Cavalier-Kultur-Epoche", in der die bundes-deutschen Züchter der sechziger Jahre ihre Zuchten ins Leben riefen. Denn niemand importierte selbst, sie alle bauten ihre Zuchten mit bei Frau Bernhard gekauften Hunden auf: Frau Pfeiffer, "vom Oranierland", Frau Vogt, "von der Kantorgasse", Frau Schuler, "von der Schulenburg", Frau Klose, vom „ Idisberg", Frau Menden, "von der Steinbreche", Baronin Dwingelo-Lütten,"von Lütten",

Foto Kellermann

und andere, weniger beständige Züchter, die grashüpferhaft, wie sie aufgetaucht waren, sich wieder verflüchtigten. Auch in meiner Zucht gingen kleine, feine, charmante "Trollhöflinge" an den Start. Im Jahre 1968 kaufte ich meinen ersten Cavalier, den wunderschönen Tricolour-Winzling "Fink vom Trollhof“, in der Größe einem Hündchen aus Staffordshire Keramik gleichend, der sich allerdings als unfruchtbar herausstellte. Zu diesem Zeitpunkt ordnete Gräfin Rechteren-Limpurg an, den Preis für einen Welpen von DM 300,- auf DM 400, - anzuheben. Und alle bundesdeutschen Züchter unterwarfen sich ihrem Preisdiktat. Als Gräfin Rechteren-Limpurg Anfang der siebziger Jahre ihre Zucht aufgab, hatte ich das Glück, unter allen "Fanfare''-Cavalieren und Importen die Erstwahl zu erhalten. Sieben hochtypische Hunde mit ausgeprägtem Kopftyp und von gedrungener Statur waren es, die ich für meine Zucht auswählte. Unter ihnen zwei letzte, von der weltberühmten Engländerin Mrs. Hewitt Pitt gezüchtete Cavaliere, "Ttiweh Gold Angel" und Multi-Champion "Ttiweh Gorgio". Mrs Pitt ist an der Aufstellung des Standards für diese Rasse verantwortlich beteiligt gewesen. Die Zucht berücksichtigt neben Schönheitsmerkmalen die Wesensmerkmale eines weichen, freundlichen Charakters ohne Aggressionen dieser Rasse. Von Generation zu Generation drängen Vorzüge und Schwächen der in die Zucht integrierten Blutlinien mehr ans Licht. Durch eingehende tierärztliche Untersuchung und Selektion der Zuchttiere wird weitgehend vermieden, erkennbar negative Erbdispositionen weiterzubefördern. Wenn der Züchter geeignet erscheinende Paarungen wählt, so hofft er darauf, die Stärken zu betonen, Schwachpunkte auszugleichen, zu verdrängen, Verbesserung zu erzielen. Auslauf und Bewegung kommen einer robusten Konstitution zugute. Und geht es einmal um Krankheiten, Seuchen, Welpensterben, Unfälle, etc., so ist dem Züchter die Kraft zu wünschen, leidvolle Zeit durchzustehen. Belohnung für alle Mühen ist die Freude des täglichen Umgangs mit gesunden, immer fröhlichen Geschöpfen. Die Freude auch, einen selbstgezüchteten, prachtvollen Hund, der viele Vorzüge auf sich vereinigt und die große Konkurrenz nicht fürchten muß, dem Ausstellungsrichter von Format vorzustellen.

 

Allerdings - wo Hundezucht nicht von Tierschutz, Tierliebe und Freundschaft mit dem Einzelwesen Hund geprägt und getragen ist, entbehrt sie jeglicher Moral. Für den Menschen, dessen seelische Entwicklung nicht zu kurz gekommen ist - für den richtigen Menschen also -, bedeuten Respekt vor dem Mitgeschöpf und Übernahme von Verantwortung für ein unselbständiges Lebewesen eine Selbstverständlichkeit. Ist die hilflose Kreatur schon mit Dazutun des Züchters ins Dasein gekommen, so bleibt sie sein Schützling und folgerichtigerweise seiner Obhut zeitlebens anvertraut. Ein solcher Züchter wird für die abzugebenden Welpen und Junghunde Plätze bei nur zuverlässigen, warmherzigen Menschen auswählen. Aus einer Vielzahl günstiger Vorzeichen läßt sich mit Wahrscheinlichkeit zu erwartende Lebensqualität für die Kleinen prognostizieren.Schutzverträge abzuschließen, empfiehlt sich. Des weiteren wird sich dieser Züchter um heimatlos werdende und heimatlos gewordene seiner Schützlinge kümmern. Und nicht zuletzt wird er seine als Zuchthunde ausgedienten Pensionisten nicht im Stich lassen. - "Bonzo" verließ mich als ein in einen Strumpf gepacktes Bündel Holzwolle, die "Lustigen Kommunarden" bleiben bei mir, solange sie glückliche Stunden erleben.

 

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