Spaziergang mit meinem Cavalier-Rudel !

Von Brigitte Kellermann

Der Chronist berichtet von den altenglischen Königshündchen, sie seien von den  Damen bei Hofe in den Ärmeln ihrer weiten Gewänder getragen worden und sie   seien Jagdbegleiter der Herren und Cavaliere gewesen. Ein Hofarzt soll die kleinen Spaniels als „consoler" und „comforter" verordnet haben, zum Trösten bei Kummer, zum Entspannen bei nervösen Leiden. Zur Stärkung von Leib und Seele sie sich auf den Leib zu legen. - Demzufolge muss es damals einen Winzling gegeben haben, der sich ohne Mühe als Ärmelhündchen tragen ließ und sich als Leibwächter eignete, während vermutlich ein größerer, robuster und sportlicher Spaniel als Reitbegleiter- und Stöberhund für die Herren und Jäger infrage gekommen ist. – Beide Varianten wurden in diesem Jahrhundert in dem für den Cavalier-King-Charles- Spaniel verfassten Standard in ihrer ungefähren Größe berücksichtigt. Heute ist der Cavalier ein mittelgroßer bis kleiner Spaniel , in dessen Person sich in ausgeprägter Form jene beiden Eigenschaften vereinigen, die Damen und Herren am Hof des alten England vorrangig schätzten und züchterisch berücksichtigten: Zum einen Zärtlichkeitsbedürfnis und Kontaktfreudikeit eines Schoßhundes und zum anderen Ausgelassenheit und Lustigkeit eines begeisterten Spaziergängers und Stöberhundes.

Einen Spaziergang mit meinen Cavalieren tausche ich nicht gegen ein bauchtanzendes Fernsehprogramm ein, denke bei Spaziergängen mitleidsvoll an jene einfallslosen Pauschalurlauber, die darauf angewiesen sind, sich durch die trivialen Späße von Animateuren ihre Langeweile vertreiben zu lassen. - So geht das:

Ich erscheine an der Hausecke, wo im Hündchenauslauf schon einige Wachtposten auf mein Kommen lauern. Sie melden mich an. Drinnen im Haus antwortet unmittelbar ein Poltern und Rennen, Schnaufen und Prusten. Aus dem offenen Türklappen stürmen mit aufgeregtem Gebell die ersten aus dem Schlaf Erwachten. Jetzt wird es eng! Die Menge drängt sich an der Öffnung und befindet sich im Handumdrehen im Stau. Vom Stauende her wird solange gepufft und gestoßen, bis der Stau sich endlich nach außen hin auflöst. Tosender Beifall hinter dem Zaun gilt bei meinem Erscheinen. Für das Öffnen des großen Tores, das den Weg zur Waldheimat freigeben wird, muss ich mich vorbereiten. Habe ich versäumt, mich von vornherein in Lumpen zu hüllen, so entwickelt sich meine Kleidung mit dem Öffnen des Tores in Windeseile zur Lumpensammlerreife. Wie nach einem Startschuss galoppiert das Vierbeinerrudel zunächst in den nicht fernen Buchenwald hinein. Kopfankopfrennen an der Spitze, die sich aus der Geschlossenheit herausbildet. Plötzlich die Kehrtwendung. In gestrecktem Galopp geht es zurück und unaufhaltsam auf mich zu. Ich halte mich mit beiden Händen am Zaunpfahl fest, damit ich nicht umgeworfen werde, denn nun folgt das große Dankeschön für den beginnenden Spaziergang: Kneifen, Beißen, Kratzen, Tauziehen an den Hosenbeinen, Luftsprünge, um meine Nasenspitze zu erreichen, Begeisterungsschreie in den Atempausen. Schließlich lassen sie -ein Hündchen nach dem anderen - von mir ab, jedes geht seiner Lust, Laune und Lieblingsbeschäftigung nach. Am hochgelegenen Teich sehe ich das Wasser spritzen. „Tausendsassa" schwimmt mit anderen Schwimmbegeisterten seine Runden. Sie schütteln sich, rennen und trocknen im Wind. Krammetsvögel auf der Wiese. Auf die Bäume mit ihnen! Einige fliegen tief. Vielleicht lohnt sich die Jagd, um sie doch noch zu fangen? Drei silberne Reiher im Sumpfgebiet. Höchste Zeit für sie, Wind unter die Schwingen zu bekommen und mit schwerem Flügelschlag Höhe zu gewinnen.

Auf der Kuhweide gräbt „Ravenmaster" nach Mäusen. Er hat die beste Nase und müsste "Mäusemeister" heißen. Wenn sein eigenartig helles Geläut ertönt, wissen alle Mausbegeisterten, hier lohne es sich zu buddeln, die Stelle sei ergiebig. Sie sammeln sich am Mausloch und helfen dem Rüden beim Graben. Der vierzehnjährige "Duc" vergisst seine Altersbeschwerden und wird beweglich. Sie stemmen sich gegen den Boden und reißen mit den Zähnen und ruckartigen Bewegungen des Kopfes die Grasnarbe hoch, dass sich die Grasbüschel hinter den Zähnen verklemmen. Sie schütteln sich und den Schmutz um die Ohren. Ein immer größer werdendes Loch entsteht. "Mäusemeister" hat die Nase drinnen und gibt diese Stellung nicht auf, denn wer die Nase draußen hat, den bestrafen die anderen damit, dass er sie nicht mehr reinkriegt. Kopf und Schultern arbeiten sich vor bei allgemein wachsender Stimmung und Aufregung. Anfeuerungsgebell rundherum. Der Mausgeruch ist nun selbst für die schwächere menschliche Nase wahrnehmbar. Endlich reißt "Mäusemeister" der Mäusegroßfamilie das Dach überm Kopf weg. Dort unten sind sie alle, klein und groß, nackt und bloß! Einem Mäuslein gelingt es, den eifernden Jägern nach hinten hin unbemerkt zu entkommen. Alle anderen werden schmackhafte Beute der Spaniel-Meute. Eine Maus geht querkant und hochkant nicht durch den Schlund, hüpft zurück, quillt zwischen den Zähnen hervor, erschrickt die Umstehenden, bis sie schließlich der Länge nach verschluckt wird. Hat einer das Glück, den begehrtesten Leckerbissen- rosafarbene Mausebabies im Nest- zu erwischen, so vertilgt er sie vorsichtshalber mit Nest, kann dieses später nach Art der Eulen als Gewölle wieder hervorbringen. Jagderfolg, Schüsseltreiben, leuchtende E.-T.-Augen in zufriedenen, schmutzverklebten Gesichtern von Hündchenjägern. - Frische Kuhfladen auf dem Heimweg werden nicht ausgelassen. Verleihen sie doch einen blaugrünen Überzug wie Patina und einem unwiderstehlichen Duft. Die feine englische Abstammung abverlangt einem jeden kleinen Spaniel, dass er in der Schlange am Fladen geduldig warte, bis er an der Reihe sei. Jeder wälzt sich genüsslich und ausgiebig. Kommt da zum Schluss etwa noch der Jagdaufseher des Weges sprich der Wiese und öffnet den Schlag, um ein Gespräch anzufangen? Das ließe er besser sein! Denn die kleinen Stinktiere folgen unverzüglich der vermeintlichen Einladung einzusteigen, um nach Hause gefahren zu werden.

 War es das? Nein, noch nicht! Vorm häuslichen Tor angekommen, denkt kein Hündchen daran, freiwillig ins Haus zu laufen. Sie legen sich vorm Eingang auf den Rücken- duftende Schmutzbündel mit erwartungsvollen Kulleraugen am oberen Ende-, um hineingetragen zu werden. Genießen  den Augenblick des Getragenwerdens und schauen mir tief in die Augen. Jedes wartet darauf, ihm das Gefühl zu vermitteln, eine ganz persönliche, besondere Beziehung zu mir zu haben, für mich das liebste und beste Hündchen zu sein. Ich flüstere jedem etwas Nettes ins Ohr. Stolzgeschwellt zieht eins nach dem anderen beglückt vondannen. Erzähle ich es auch allen, so gilt doch für jedes, dass es für mich das liebste und beste sei.

 

© by Brigitte Kellermann